Sozialer Unternehmer ruft mit "Stand Up" Mitarbeiter der Bekleidungsindustrie auf, für ihre Rechte e

Shirone Kaushalya stellt Lederjacken her, doch sie bekommt das fertige Produkt nur selten zu sehen.

Die 30-jährige Frau verwendet einen Hammer, um Grate und Unebenheiten zu glätten, bis das Leder glatt genug ist, um vernäht zu werden. Anschließend gibt sie das geglättete Leder an die nächste Produktionsstation weiter und bearbeitet eine neues - während einer Schicht insgesamt bis zu 180 Lederstücke. Sie arbeitet in einer Bekleidungsfabrik unweit des internationalen Flughafens Negombo, Sri Lanka, etwa eine Stunde nördlich der Hauptstadt Colombo.

Die Vorgabe von 180 zu glättenden Lederstücken pro Tag macht es für Shirone - wie für viele Ihrer Kolleginnen - schwierig, auch nur eine Toilettenpause einzulegen. Vor drei Jahren hat sie Ihren Heimatort verlassen, um etwa 19 Kilometer entfernt an sechs Tagen pro Woche in der Fabrik zu arbeiten. Aufgrund der langen Arbeitszeiten und der Unterbringung in einer Gemeinschaftsunterkunft ließ sie ihren jungen Sohn zurück.

Nishadi Gunasekera (35) ist Maschinenbedienerin in derselben Fabrik. Als das Einkommen ihres Ehemannes nicht ausreichte, um die Familie zu ernähren, begann sie vor 5 Jahren, in der Bekleidungsindustrie zu arbeiten. Die Fabrikleitung gestattet den Arbeitern keine sozialen Kontakte. Kürzlich lachte sie gemeinsam mit einer anderen Frau und erhielt von ihrem Vorgesetzten eine Abmahnung, die besagte, dass im Wiederholungsfall ihr Jahresbonus gekürzt wird.

Heute ist Sonntag, ihr einziger freier Tag.

Shirone und Nishadi treffen sieben andere Arbeiterinnen aus verschiedenen Bekleidungsfabriken in einem spärlich möblierten Büro. Auf den Straßen herrscht viel Verkehr und die meisten erscheinen zu spät zu dem Treffen um 9:30. Jede der Arbeiterinnen findet einen Platz in dem locker um einen großen Schreibtisch angeordneten Kreis.

"Es ist eine Erleichterung, hier zu sein", sagt Shirone. "Wir arbeiten unter hohem Druck und die Tätigkeit ist sehr monoton. Wenn wir hierher kommen, können wir uns gemeinsam entspannen und uns freuen, zusammen zu sein."

Dies ist ein monatliches Treffen der Stand Up Movement Lanka, einer von der sozialen Unternehmerin Ashila Niroshine Mapalagama (36) gegründeten Organisation für Mitarbeiter der Bekleidungsindustrie in Sri Lanka. Stand Up klärt Arbeiter über ihre Rechte auf, bietet Berufsausbildungen an und hat ein soziales Absicherungssystem für seine Mitglieder eingerichtet. Gegründet 2007, ist die Organisation keine Gewerkschaft, sondern ein Netzwerk zur Befähigung von Arbeitern durch ein beziehungsbasiertes Bottom-up-Konzept.

Für Ihre Arbeit wurde Ashila 2014 als Ashoka Fellow ausgezeichnet und wurde somit zum ersten Fellow für “ Fabric of Change," einer globalen Initiative von Ashoka und der C&A Foundation für eine faire und nachhaltige Bekleidungsindustrie.

Die Frauen, die den Wirtschaftsmotor antreiben

"Die Frauen in Sri Lanka haben nie einen existenzsichernden Lohn erhalten", sagt Ashila. "Ihre sozialen, wirtschaftlichen und kulturellen Rechte sind sehr gering. Sie müssen Mehrarbeit leisten und manchmal ihre Mittagspausen, Teepausen oder Toilettenpausen opfern. Die Frauen arbeiten wirklich sehr sehr hart, um genügend Geld für den Grundbedarf zu verdienen."

Sri Lankas Bekleidungsindustrie ist ein Antriebsmotor der Wirtschaft des Landes mit einem Anteil von 45 Prozent am gesamten Warenexport und einem Wert von 4,5 Milliarden Euro im Jahr 2015. Globale Marken wie Nike, Marks & Spencer und Victoria's Secret sind von den rund 300.000 Mitarbeitern der hiesigen Bekleidungsindustrie abhängig. Die Weltbank hat festgestellt, dass ein Mitarbeiter der Bekleidungsbranche in Sri Lanka durchschnittlich 55 Cent pro Stunde verdient. Laut Ashila verdienen die Arbeiter ein durchschnittliches Nettogehalt von etwa 100 $ monatlich.

71 Prozent der Mitarbeiter in der Branche sind Frauen, die meisten von ihnen Migrantinnen aus ländlichen Gebieten, die ihre Familien und Kinder zurück gelassen haben, um in den Freihandelszonen (FTZ) zu arbeiten, in denen sich die Fabriken befinden.

In Notfällen erhalten sie von den Banken üblicherweise keine Kredite und können sich an niemanden wenden. Stand Up bietet ihnen ein finanzielles Sicherheitsnetz. Dieses funktioniert folgendermaßen: Mitglieder zahlen monatlich in das System ein und können sich bis zu 25.000 LKR (167$ US) leihen. Im Falle eines Todesfalls in der Familie erhalten sie eine Auszahlung von 15.000 LKR (100% US), um für Beerdigung aufkommen zu können. In diesem Jahr hat Stand Up bereits Darlehen an 58 Mitglieder vergeben und an neun Mitglieder Geld für Bestattungskosten gespendet. Seit 2008 erhielten 103 Mitglieder diese Art von Zuwendung. 

Ashila kennt die Bekleidungsbranche sehr gut. Obwohl sie eine sehr gute Studentin war, musste sie auf eine Hochschulausbildung verzichten, um nach dem Tod ihres Vaters ihre Familie zu unterstützen. Fünf Jahre lang arbeitete sie in verschiedenen Bekleidungsfabriken. Sie engagierte sich aktiv in Gewerkschaften und Nichtregierungsorganisationen, war jedoch der Ansicht, dass deren Programme nicht den tatsächlichen Bedürfnissen der Arbeitnehmer entsprachen. Nachdem sie die letzte Fabrik, in der sie arbeitete, verlassen hatte, erweiterte sie ihre Kenntnisse im Bereich der Arbeitnehmerrechte durch umfangreiches Lesen und ein vierjähriges Engagement in einer Menschenrechtsorganisation. Das einzigartige Konzept von Stand Up basiert sowohl hierauf als auch auf ihren Erfahrungen als Arbeiterin in der Bekleidungsindustrie.

"Wenn wir ein Aufklärungsprogramm umsetzen möchten, können wir die Arbeiter nicht in einer Halle versammeln und formell informieren.", sagt Ashila. "Wir werden eher einen Fackelumzug veranstalten und die Arbeiter sensibilisieren. Wenn wir höhere Löhne fordern wollten, wäre es schwierig für uns, das Management direkt zu konfrontieren, weil die Arbeiter Angst hätten. Wir würden ein Pahan Puja (ein Lampenritual) organisieren. Und wenn wir Beziehungen zu Arbeitern aufbauen möchten, würden wir in ein Wohnheim gehen, alle Bewohner versammeln und uns eine Dokumentation (über Arbeitnehmerrechte) ansehen."

Anreize für einen Verbleib in der Branche

Stand Up besteht nun aus einer Kerngruppe von 15 und einer Mitgliederbasis von 580 Arbeitern. Diese steigt während einer Kampagne auf etwa 1.200 Menschen an. Ashila sagt, sie möchte die Vorteile, die Stand Up bietet, während der nächsten fünf Jahre erweitern und die Zahl der Mitglieder auf mindestens 4.000 erhöhen.

Ihre große Idee zur Transformation der Bekleidungsindustrie in Sri Lanka: Die Arbeiter unterstützen und über ihre Rechte aufklären, um ihnen ein nachhaltiges Beschäftigungsverhältnis zu ermöglichen. Laut Ashila verbleiben die meisten Arbeiter lediglich 5 Jahre in der Bekleidungsindustrie, da sie mit ihren niedrigen Löhnen und den harten Arbeits- und Lebensbedingungen unzufrieden sind. Darüber hinaus werden nach fünf Jahren Treuhandfonds fällig, wodurch die Arbeiter verleitet werden, das Geld abzuheben und in ihre Dörfer zurückzukehren, wo sie jedoch nur schwer Arbeit finden. Fabriken verlieren somit geschulte Arbeitskräfte und das geht zu Lasten der Produktivität. Und Stand Up verliert Mitglieder, die geholfen haben, die Arbeitnehmerrechte zu fördern.

“Ich möchte eine Umgebung erschaffen, in der die Arbeiter innerhalb der Branche weiterhin leben und arbeiten können und die Möglichkeit haben, ihre Rechte zu verteidigen und zu erweitern", sagt Ashila. "Hiervon profitieren die Wirtschaft des Landes, die Arbeiter selbst und der Stärkungsprozess für die Arbeitnehmerrechte." 

Ihre Arbeit beginnt zu einem wichtigen Zeitpunkt. Lange Zeit war China der dominierende Bekleidungsexporteur. Doch mit steigenden Preisen haben auch andere Länder die Möglichkeit, sich einen größeren Marktanteil zu sichern. Gemäß Schätzungen der Weltbank erhöht ein Anstieg von nur einem Prozent des zu erwartenden Lohns die Wahrscheinlichkeit, dass Frauen in der Bekleidungsindustrie von Sri Lanka arbeiten, um 89 Prozent.

Acht Stunden für einen existenzsichernden Lohn

Ashilas vordringlichstes Ziel ist sicherzustellen, dass die Arbeiter einen existenzsichernden Lohn bei einer täglichen Arbeitszeit von acht Stunden erzielen können.

“Den Arbeitern entstehen viele versteckte Kosten", sagt sie. “Sie werden von ihren Familien getrennt und können sich nicht um deren Angelegenheiten kümmern. Sie könne viele soziale Verpflichtungen nicht erfüllen und leben isoliert von der Gesellschaft. Diese versteckten Kosten werden nicht aufgefangen und die Arbeiter stehen erheblich unter Stress. Wenn sie einen existenzsichernden Lohn innerhalb von acht Stunden verdienen könnten, wären viele dieser Probleme gelöst."

Stand Up hat für die Lederarbeiterin Sirone, die bereits Mitglied ist, bereits eine Verbesserung der Arbeitsbedingungen erreicht. Sie sagt, ihr Manager weiß, dass sie Teil des Netzwerks ist.

“Bevor ich Mitglied wurde, hätten sie keine Skrupel gehabt, mich länger arbeiten zu lassen, selbst nach 22:00 Uhr", sagt sie. “Seit sie nun aber wissen, dass ich Mitglied dieser Bewegung bin, schicken sie mich nach Hause, wenn meine Arbeitszeit beendet ist, auch wenn die Arbeit noch nicht erledigt ist. Das hat diese Bewegung für mich erreicht."

Mary-Rose Abraham ist Multimedia-Journalistin mit mehr als 15 Jahren Erfahrung als Reporterin, Produzentin und Videografin. Sie arbeitet zur Zeit auf freiberuflicher Basis in Bangalore, Indien.

Fabric of Change ist eine globale Initiative von Ashoka und der C&A Foundation zur Unterstützung von Innovatoren für eine faire und nachhaltige Bekleidungsindustrie. Mehr erfahren